Hulda.

Hulda.

Das Huhn.

Gefühlsspeicher

Administrator on Jan 04 2007

Anschließen bestaunt Hulda einige Leute vor der Kirche. Als Dorfhuhn hat sie den Vorteil nach anfänglichem Staunen, bei den Büschen nebenan nicht mehr viel beachtet zu werden und das gibt ihr Gelegenheit einiges aufzuschnappen: "Hoffentlich macht der Pfarrer nicht so lang rum, immer das Geschwafel!" und "Ach Gooooottt, das Taufkleidchen is' ja schmutzig...", "Wieso issn jetzt der Videoakku leer!"

Hulda schlüpft wieder in die Kirche. Alle aufgetakelt wie bei der Hennensichtung. Alle sind mit sich oder irgendwelchen Zeugs beschäftigt und kaum einer registriert, was eigentlich abgeht. Nicht dass es Hulda verstehen würde, doch irgendwie versucht der Typ in Schwarz da vorne eine würdevolle und ordentliche Atmosphäre herzukriegen.

Hulda scheint es, dass die Leute nur mal eben hier reinschneien, und ein bisschen was fürs Herz sehen wollen.

Da fragt sich Hulda ernsthaft: Warum der ganze Aufwand? Warum hocken die nicht einfach auf einer schönen Wiese und scharren sich dort ihr Glück?

Unverschämt! Gerade mal ein paar Hühnersekunden bleiben sie aufmerksam, dem Video-Onkel gehen die Szenen eh schon zu lange. Das nennt man wohl mediale Überlänge und die passt zwar auf den Digitalchip, nicht aber in den konsumierenden Gefühlsspeicher.

Schnelle Nummern kennt Hulda aus dem Hühnerstall. Aber dass die Leute sowas aber auch in der Kirche bevorzugen...

(mv/2007)

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