Hulda.

Hulda.

Das Huhn.

Hulda und das Sommerloch

Administrator on Jul 01 2015

Hulda, nennen wir das Huhn einfach einmal so, also Hulda wird nicht recht schlau. Wissen Sie, warum das Sommerloch so heißt? Hulda hört jedes Jahr aufs Neue davon.

Angeblich gäbe es da eine jahreszeitliche Lücke. Ein unsichtbares Loch im Sommer. Vor allem Zeitungen und Nachrichtenagenturen stehen vor einem schier unlösbaren Problem. Es gibt nichts. Und weil es nichts zu berichten gibt, wird nun über Dinge berichtet, über die sonst niemand ein Wort verlieren täte. Hulda wird es ganz schwindelig im Kopf. Ganz langsam, denkt sich Hulda. Zuerst ist da ein Loch - ein Nichts. Und damit das Nichts nicht sichtbar wird, stopft man das Nichts mit Dingen, die vorher nichts waren. Hulda erinnert sich dunkel an mathematische Grundkenntnisse: Zwei mal Null bleibt nichts. Warum, so fragt sich Hulda, sind dann die Zeitungen dennoch voll und nicht leer? Warum dauern die Nachrichten genauso lange wie sonst? Und müssen nun nicht alle, über die nur im Sommer berichtet wird, traurig sein? Weil sie als Nichts das Nichts füllen? Also eigentlich nichts wert sind?

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Die Griechen mit ihrem Kapitalloch, die Staatsregierung mit ihrem Finanzierungsloch für AsylbewerberInnen, die Kommunen mit ihren Straßenlöchern.

Hulda steigt hier aus. Zum einen, weil das angebliche Sommerloch, wenn man es als echte Pause verstehen würde, doch einfach nur gut wäre. Keine schrecklichen Ereignisse im Sommer. Keine Kriege, keine Katastrophen, kein Leid, kein Schmerz. Da wäre Zeit zum Durchatmen und Aufatmen. Und es wäre Platz und Raum für mehr positive Nachrichten. Man könnte verstärkt das Selbstverständliche und das Alltägliche in den Mittelpunkt stellen. Das, was man oft nicht wirklich sieht. Das, wenn es nicht da wäre, ein echtes Loch gäbe.

Und vielleicht sind die, die im Sommerloch auftauchen, die eigentlich Interessanten?

Die Geschichte zum Beispiel, als sich die Bundeskanzlerin mit einem palästinensischen Mädchen über deren Abschiebung unterhalten hat. Hulda hat den Bericht gesehen, bevor sich die Kommentare und Titelseiten darüber ausließen. Im Sommerloch gab es ja viel Platz und Raum für eine anrührende Geste, als Angela Merkel versuchte, das weinende Kind zu trösten. Die einen fanden es von oben herab, die anderen zugewandt. Man hat dem mühsamen Ringen nach Worten und Gesten sogar schon wieder politisches Kalkül unterstellt. Und manche gingen so weit, der Kanzlerin mit ihrer spontanen Wortwahl geistige Brandstiftung zu unterstellen.

Hulda fand es einfach nur bemerkenswert, dass auch eine Bundeskanzlerin in solch einer Begegnung menschlich überfordert wirkt. Das ist der Alltag und das ist das Selbstverständliche für viele Menschen. Jeden Tag aufs Neue.

Wie auch immer- Hulda gönnt sich nun ein persönliches Sommerloch und versucht das Selbstverständliche als das Besondere wahrzunehmen.

Meint Hulda

(tw 07/2015)

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