Hulda.

Hulda.

Das Huhn.

Hulda und der 1.Mai

Administrator on May 01 2016

Hulda, nennen wir das Huhn einfach einmal so, also Hulda liebt den Mai. Endlich wird’s Frühling und es kommt eine Fülle von freien Tagen.

Zu Fronleichnam, Pfingstmontag und Himmelfahrt, so hat Hulda gelesen, gibt es noch den Europatag, den Tag des Buches, den Tag der Familie und den Tag des Fernmeldewesens. Nicht zu vergessen den Welttag der Massenmedien, den Nichtrauchertag und den Deutschen Mühlentag. Ach ja, und den Muttertag und den Antidiättag hätte der Mai auch noch im Angebot. Wenn alle Tage auch noch arbeitsfrei wären, käme Hulda ganz aus dem Rhythmus.

Wobei, über einen Tag ist Hulda richtig gestolpert. Über den Ersten Mai. Auch Tag der Arbeit genannt. Ausgerechnet dieser Arbeitstag ist arbeitsfrei und dann in diesem Jahr zudem noch ein Sonntag. Was für ein Widerspruch, denkt sich Hulda. Wenn man am Tag des Antidiättages keine Diät hält und am Nichtrauchertag nicht raucht, dann sollte man doch konsequenterweise am Ersten Mai arbeiten.

Dummes Huhn, denkt sich Hulda, als sie erfährt, warum es diesen Tag überhaupt gibt. Für Hulda war es völlig neu, dass am 1. Mai 1856 in Australien und dann 1886 in den USA zum Generalstreik für den Achtstundentag aufgerufen wurde. Der 1. Mai 1890 wurde zum ersten Mal als „Protest- und Gedenktag“ mit Massenstreiks und Massendemonstrationen in der ganzen Welt begangen.

Hulda ist ganz froh, dass es inzwischen etwas ruhiger um den Ersten Mai geworden ist. Außer vielleicht in Berlin, Hamburg und Plauen, wenn auch dort mit ganz anderen Interessen, gehen nur wenige auf die Straße. Vielleicht auch deshalb, denkt sich Hulda, weil die wenigsten bei uns gegen Arbeitsbedingungen wie vor 150 Jahren kämpfen müssen. Aber stimmt dies wirklich? Angesichts der neuesten Rentenprognosen, der Diskussion um Altersarmut, der Fülle von Niedrigverdienern und einer realen, immer größeren, Schere zwischen ganz Reichen und ganz Armen auch bei uns, wäre doch ein öffentliches Eintreten für Gerechtigkeit noch immer topaktuell. Hulda hat letzthin mal ausgerechnet, was bei 38 Stunden und 8,50 € Mindestlohn herauskommt. Brutto wohlgemerkt. Reich wird davon wohl keiner.

Hulda überlegt ernsthaft, wie sie die ganze Herde auf dem Bauernhof zum Nachdenken bringen könnte. Und vielleicht auch noch zum öffentlichen friedlichen Eintreten für mehr Gerechtigkeit für alle Menschen auf dieser Welt.

Aber vielleicht doch erst nach dem Familienausflug und nach dem Kaffeetrinken, und vielleicht auch erst im nächsten Jahr. Und das mit dem Antidiättag vergisst Hulda so schnell auch nicht wieder.

Meint Hulda

(tw 05/2016)

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