Hulda.

Hulda.

Das Huhn.

Hulda und die Bilder

Administrator on Sep 01 2013

Hulda, nennen wir das Huhn einfach einmal so, also Hulda kann keine Fotos mehr sehen. Hulda ist genervt von Urlaubsfotos. Hulda hat sich satt gesehen an den ganzen Wahlplakatfotos. Hulda findet Bilder auch super. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Wenn auch bei Wahlen manchmal Inhalte mehr sagen würden als perfektes Fotostudiolächeln. Hulda kennt da einen Metzger, der schaut so was von freundlich, aber das würde jetzt zu weit führen. Fotos machen ist ganz besonders im Urlaub klasse. Auch Hulda täte das gerne, wenn es gehen täte. Es gibt zwar auch in der Nähe von Rehau schon Tierfotostationen, aber leider nur, um Tiere zu fotografieren. Und nicht umgekehrt. Also Hulda fände so ein Foto prima. Eine tolle Stimmung, ein besonderer Augenblick, das würde sie auch gerne in einem Bild festhalten. Und es ist doch schön, auch anderen zu zeigen, wovon man selber so begeistert war. Und digital ist das billig und super einfach. Nur dann, später beim Anschauen? Hulda erinnert sich an manche Abende auf dem Bauernhof. Erst gähnen die, denen man die Fotos ganz stolz zeigen will. Und irgendwann weiß der Fotograf selber nicht mehr, wo das Foto entstanden ist und warum er eigentlich das Foto gemacht hat. Und vor allem, das sagt er aber eher hinterher im kleinen Kreis, warum er so doof gewesen ist, gerade so den Fotoapparat zu halten und nicht anders. Und warum das Wichtigste auf dem Bild gar nicht oder nur so schlecht zu sehen ist. Und das Ganze, obwohl man statt wie früher, wo man zwei oder drei 36er Filme verknipst hat, nun nach einer Woche mindestens 1500 Bilder zur Verfügung hat.

Wobei Hulda schon gespannt ist, wie es jetzt nach der Sommerpause und nach den Wahlen weitergeht. Welche neuen Bilder, also gedanklich und übertragen oder auch ganz wörtlich, wieder ins Zentrum rücken. Und welches Bild die dann abgeben, die so schön gelächelt haben und gewählt wurden. Hulda ist gespannt, welches Bild sie sich in den nächsten Monaten machen kann.

Und noch aufregender wird sein, welche Bilder wieder ganz schnell verschwinden. Weil es keinen mehr interessiert, weil es nur Wahlkampfkosmetik war oder weil man es einfach nicht aushält. Fukushima ist schon lange die BILD los geworden, und die Giftgasanschläge in Syrien verblassen auch immer mehr. Und ohne Bilder, das merkt Hulda, bildet man sich zwar ein, informiert zu sein, aber man merkt oft erst hinterher, welche Bilder man bewusst oder unbewusst verdrängt hat, bzw. welche Bilder einem vorenthalten wurden.

Alles ein großer Bluff? So wie es Manfred Lütz in der „Fälschung der Welt“ schreibt? Nur wie macht man sich selber das richtige, das wahre Bild von der kleinen Welt, in der man lebt und die einem wichtig ist? Von der Weite der Milchstraße, die die Raumsonde Voyager jetzt verlassen hat, braucht man gar nicht zu reden. Entsteht nicht die Wahrheit erst in der jeweiligen Betrachtung durch das Auge dessen, der die Sache ansieht? Gibt es nicht gerade deshalb so viele Bilder vom Gleichen? Bzw. das tatsächlich gleiche Bild in unterschiedlichen Ausschnitten und mit unterschiedlichen Interpretationen, die sich völlig widersprechen?

Reisen bildet und Bilder bilden auch. Vielleicht sollte man doch mehr die Bilder von anderen anschauen, um zu sehen, wer wie die Welt wahrnimmt.

Und noch besser, man sollte genau hinhören, was zu den Bildern erzählt wird, um vielleicht zu ahnen, warum das Bild gerade so und nicht anders gemacht wurde.

Und vielleicht erfährt man auch, was eigentlich auf dem Bild nicht drauf ist, was aber eigentlich besser drauf gehört hätte.

Das wäre auch vor den Wahlen sicher spannend gewesen. Aber wir werden erleben, welches Bild in Zukunft entsteht.

Bilder bilden und viele Bilder vom selben bilden viel: Meinungsvielfalt, neue Gedanken, alte Erinnerungen, aber auch Unterschiede und Gegensätze.

Und trotzdem sagt ein Bild mehr als 1000 Worte, oder waren das Blumen? Oder die Bilder von Blumen?

Meint Hulda

(tw 09/2013)

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