Hulda.

Hulda.

Das Huhn.

Hulda und die Straßenschilder

Administrator on Jul 01 2013

Hulda, nennen wir das Huhn einfach einmal so, also Hulda staunt mal wieder. Nicht Bauklötze, sondern eher Setzkästen. Von wegen, Namen sind Schall und Rauch. Auf einmal schallt und raucht es um Straßennamen.

Die „Dr.-Dietlein-Straße“ in Hof steht mitten in der Diskussion. Niemand kann die judenfeindlichen und menschenverachtenden Äußerungen dieses Mannes so richtig bestreiten. Dennoch entspann sich eine wilde Diskussion im Stadtrat und auch in Kirchenkreisen. Hulda wunderte sich schon, warum letztlich ein paar Briefbögen und Visitenkarten den Ausschlag für eine Entscheidung gegeben haben sollen. Auf der anderen Seite ist natürlich eine Infotafel als Ergänzung zu einem Straßenschild viel nachhaltiger, als stille Demontage. Weil dann die Straße nicht einfach weg ist, sondern jeder und jede die Chance hätte zu lesen, wessen Geistes Kind der Straßenpate wirklich war. Nur auf den Briefköpfen und Visitenkarten stünde das dann nicht mit drauf.

Hulda erinnert sich. Das gab es doch auch schon in München, Nürnberg, Ansbach und Bayreuth. Auch da ging es um einen Pfarrer. Der bayerische evangelische Bischof Hans Meiser war nach vielen Jahren der Ignoranz als Straßenpate durch seine antisemitische Haltung plötzlich heftig umstritten.

Wer jetzt denkt, Rehau ist ja von all dem Schall und Rauch weit entfernt, der sollte sich nicht täuschen lassen. Schon kurz nach der Einweihung der Gasse „Am Alten Markt“ kam die Frage auf, ob diese nicht politisch korrekt eher „Am Senioren und Seniorinnen Markt“ heißen müsste. Aber mal ganz im Ernst. In Rehau gibt es zumindest eine Straße, die des nachweislich antisemitischen Richard Wagners ist jetzt nicht gemeint, die den Namen eines glühenden Hitlerverehrers trägt. Hulda hat mitbekommen, dass im Gymnasium in Selb Texte von August Beck im Geschichtsunterricht bearbeitet werden, die offensichtlich das Terrorregime verherrlichen. Dazu muss man vielleicht noch ergänzen: August Beck ist Dichter des allseits geschätzten Rehauer Heimatliedes.

Hulda bekommt schon wieder einen dicken Kopf. Wie soll man damit umgehen? Was tun in Zeiten von kritischer Reflexion und sensiblen Nachdenkens? Insbesondere im Blick auf die Zeit von 1933-1945 wurde dies viele Jahre gerne vergessen. Wie soll man damit umgehen, wenn deutlich wird, dass so manche „Vorbilder und Helden“ durchaus tiefbraune Flecken auf der gar nicht so weißen Weste haben? Ist es akzeptabel, Gutes und Wertvolles mit sicherlich auch nachvollziehbar zeitgeschichtlich Bedingtem und Problematischem aufzuwiegen? Darf man da überhaupt nachdenken und nachfragen? Oder soll man schlafende Hunde lieber gar nicht wecken? Was aber, wenn diese, obwohl schon lange tot, nun aber doch etwas zu muffeln anfangen?

Vielleicht ist es hilfreich, denkt sich Hulda, in Zukunft alle Straßen völlig neutral zu benennen:
In Hauptstraße, rechte und halblinke Straße, Lange Straße oder Kuhdreckstraße, oder wie in Mannheim einfach nach Planquadraten durchbuchstabieren. Wobei, da ist sich Hulda sicher, Nummern und Zahlen ohne Zusammenhang fördern weder die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, noch die Klärung eigener Positionen.
Also: ein Denk-Mal Schild an manchen Straßenschildern dürfte schon das Mindeste sein, ohne gleich zu völligen Schild-Bürgern zu werden. Und Nachdenken und Diskutieren hat noch nie geschadet.

Meint Hulda

(tw 07/2013)

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