Hulda.

Hulda.

Das Huhn.

Hulda und Halloween

Administrator on Oct 01 2011

Hulda wundert sich. Früher, wenn die Tage kürzer wurden, wenn der Bauer mit der Ernte fertig war, da wurde es abends still im Dorf. Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger und die Menschen häuslich. Seit einigen Jahren bemerkt Hulda eine Veränderung.

Ende Oktober nach Einbruch der Dunkelheit werden die Menschen wieder munter, vor allem die Küken fangen an, umherzuziehen. Mit viel Geschrei und merkwürdigen Gewändern. Und obwohl sonst nur fähig, über das Internet - über Facebook und ICQ - zu reden, will die Jugend plötzlich andere Menschen am Abend besuchen.

Hulda wundert sich. Die Jugend beginnt, alte Werte wieder neu zu entdecken. Früher hieß das Rockenstuben, und heute? Cousin Würdemar weiß Bescheid. Würdemar kennt das nächtliche Umhertreiben aus der neuen Welt, aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Am Vorabend von Allerheiligen sollen die bösen Geister dort mit Masken und Lärm vertrieben werden. Junge Menschen bitten um Süßigkeiten oder drohen mit einem Schabernack. Als 2001 der Fasching wegen des Irakkrieges ausfiel, begann ersatzweise das närrische Treiben im Oktober auch in Deutschland. Hulda erinnert sich: Wurden da nicht schon Eier an Hauswände geworfen und Gartentürchen ausgehängt? Muss man denn den Amis wirklich alles nachmachen?

Und nun hat Hulda erfahren, dass auch die Michaeliskirche in Hof am 31.10. Krach macht. Sogar die Regionalbischöfin kommt. Hulda versteht die Welt nicht mehr. Seit wann veranstaltet die Kirche Geisteraustreibung und Jugendstreiche, noch dazu mit Segen von oben?

Auch hier weiß Cousin Würdemar Rat. Nachdem die Halloweengeschichte überhand genommen hat, haben die Kirchen gemerkt, dass Ende Oktober eigentlich ein ganz anderes Fest gefeiert werden müsste. Der Pater Doktor Martin Luther wetterte damals gegen den Aberglauben in Wittenberg am Allerheiligenfest und nagelte seine Argumente an die Kirchentür. Da ging es aber nicht um Geister, sondern um Restbestände von Heiligen, die die Seligkeit versprachen. Zum Beispiel wurde da ein Kreuznagel Christi in Wittenberg angebetet. Luther meinte dazu: Angeblich gibt es so viele "echte" Kreuznägel Christi, dass man alle Pferde in Sachsen damit beschlagen könnte.

Also Hulda denkt sich ihren Teil. Da haben also die Protestanten, die Lutherischen, wie sie hier noch heißen, den Geburtstag ihrer Kirche am 31.10. jahrelang verpennt und sind erst durch die Kürbis-Erschrecker aus Amerika wieder drauf gestoßen. Deshalb brennen vor Gemeindehäusern Lichter und Kinder bekommen Lutherbonbons geschenkt. Aber weil das nicht wirkt, macht man jetzt in Hof richtig Dampf, fliegt die Bischöfin ein und feiert Church Night. Ob da Maskierte dann den halben Eintritt zahlen?

Fragt Hulda.

(tw 10/2011)

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