Hulda.

Hulda.

Das Huhn.

Je suis Charlie!

Administrator on Jan 01 2015

Hulda, nennen wir das Huhn einfach einmal so, Hulda weiß gar nicht, ob sie sich heute überhaupt noch über Charlie Hebdo Gedanken machen kann. Fast alles ist schon gesagt und auch gezeichnet. Kluges, Versöhnendes, Idiotisches und Dummpfbackiges.

In manchen Köpfen sind die Tellerränder deutlich höher als die Kirchtürme. Und die eigene Unzufriedenheit, mit was auch immer, ist der geistige Brennstoff für Molotowcocktails gegen alles, was anders ist oder auch nur anders scheint. Dennoch, Hulda kommt am Anfang des Jahres dem terroristischen Attentat auf die Meinungsfreiheit nicht aus. Was darf Satire? Alles, sagt Kurt Tucholsky. Aber Hulda will nicht alles. Hulda will auch nicht alle Bilder, die in Charlie Hebdo erschienen sind, gut heißen. Eklige Sachen gab es - so richtig widerlich. Grund zum Aufregen. Grund zum Streiten. Grund zum Zornigsein. Und dennoch kein Grund, einen Menschen zu töten. Ist eine Karikatur, ist die Freiheit der Satire auch nur ein Menschenleben wert? Hulda möchte laut NEIN gackern - aber…

Vielleicht hilft das ganz andere, der Blick auf erstaunliche, gar nicht so kleine Kleinigkeiten, die plötzlich möglich sind, denkt sich Hulda. Da halten Muslime eine Mahnwache für Mohammed-Karikaturisten am Brandenburger Tor. Dass plötzlich die Typen in Dresden auch „Je suis charlie“ finden, also „ich bin Charlie“, ist schon interessant. Ob die überhaupt wissen, was das heißt und dass ursprünglich Charlie Braun der Namensgeber war? Und dass der sich eher mit Fragen nach dem Erscheinen des großen Kürbisses herumgeschlagen hat als mit pseudochristlicher Weltdeutung? Aber das ist wieder eine ganz ganz andere Frage.

Hulda entdeckt noch mehr gar nicht so kleine Kleinigkeiten. Bereits 2011 haben katholische und evangelische Christen auf dem Maxplatz zusammen mit dem Vorstand von DITIB und dem Imam als Gästen gefeiert. 2012 war der Islambeauftragte der Landeskirche in Rehau in der Moschee zu Gast. Und selbstverständlich kamen Muslime aus Rehau und Hof am nächsten Tag in den Gottesdienst nach St. Jobst. Jedes Jahr lädt DITIB in Rehau zu einem Fest ein. Freundlich und zugewandt. Hulda könnte sich da für manches Fest im Hühnerstall eine Scheibe abschneiden. Höflich werden da die Gäste begrüßt, bewirtet und durch die Räumlichkeiten geführt. Und nun das Aktuellste, was Hulda mitbekommen hat: Der neue Imam Halil Ibrahim in Rehau macht seine Antrittsbesuche und fragt nach evangelischen Gottesdienstzeiten, weil er gerne einmal am Gottesdienst teilnehmen möchte. Des Weiteren ist eine große Informationsveranstaltung der Muslime im April in Rehau geplant. Hulda spürt den Esprit des alten Rehaus: Ein echter Raum für Visionen. Ein Ort mit freundlichen und aufgeschlossenen Menschen, die wissen, dass die Nachbarn in Frieden leben wollen. Weder Molotow, noch Kalaschnikow, noch P-Dingsbums können dem etwas anhaben. Ob das so bleibt, wird sich bewähren, wenn demnächst echte Fremde bei uns Schutz suchen.

Meint Hulda.

(tw 01/2015)

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